Grenzen ziehen und Nein sagen - Mit sich selbst besser zurecht kommen
Peter Gres Podcast Quickies

015 – Grenzen ziehen und Nein sagen

Mit einem Gastbeitrag von Jana Ritzen, Conscious Ballet, Braunschweig

Heute geht es um Grenzen ziehen und konsequenteres Nein sagen.
Wer immer ja sagt, hat irgendwann kein eigenes Leben mehr. Er wird von anderen vereinnahmt und dadurch in der Entwicklung gehemmt, die beste Version seiner selbst zu sein.

Wer zu oft ja sagt, schadet dauerhaft seiner Karriere und seinem Leben. Strahlst du dagegen eine gewisse Sperrigkeit aus, wirst du weniger oft als Objekt für die Ziele anderer missbraucht. Der Biologe und Hirnforscher Prof. Dr. Gerald Hüther fordert, dass sich Menschen vor allem im Beruf auf Augenhöhe begegnen und sich gegenseitig als gleichberechtigte Subjekte anerkennen.

Das bedeutet, dass die Führungskräfte des Unternehmens begreifen müssen, dass Menschen gut behandelt werden müssen  und nicht überfordert werden, damit sie dauerhaft gute Leistung bringen können.


Jeder Mensch hat eine psychische und physische Belastungsgrenze. Wenn die regelmäßig überschritten wird, tut das weder der Seele noch dem Organismus gut. Nein zu sagen markiert eine Grenze, die für unsere Gesundheit wichtig ist.

Wenn du dich ständig anderen unterwirfst, erleidest du jedes Mal einen Angriff auf dein Selbstbewusstsein. Das geht nicht lange gut, weil es Menschen aushöhlt und zu Burnout-Kandidaten macht. Wenn du immer verfügbar ist, muss du dich irgendwann mal fragen lassen, ob du deine Prioritäten kennst? Das ist keine gute Basis für eine erfolgreiche Karriere.


Die eigenen Bedürfnisse zu artikulieren ist keine Kunst. Ein freundliches Nein bringt mehr Anerkennung und Respekt als dauernde, fast grenzenlose Hilfsbereitschaft. Die wird zudem gerne ausgenutzt. Wenn ich dauernd nachgebe ist meine Leistung irgendwann mal nichts mehr wert. Leider erkennen das viele Menschen nicht früh genug.

Sie haben diffuse Ängste vor Disharmonie. Sie stellen sich vor was passieren könnte, wenn sie Nein sagen. Sie laden die Folgen eines Neins emotional so stark negativ auf, dass sie im Moment der Entscheidung keine Kraft zum Nein sagen haben und nachgeben.


Im Job ist die persönliche Abgrenzung meist eine Gratwanderung. Wie gehe ich als Mitarbeiter damit um, wenn mich der Chef wieder und wieder um Überstunden bittet? Oder die Kollegin Arbeit abwälzen will, die sie nicht gern macht. Wenn ich hier keine klare Grenze ziehe wird es den anderen zur Gewohnheit, zusätzliche Aufgaben auf mich abzuwälzen.

Wie kannst Du dich abgrenzen?  Höre dir an, was dein Gegenüber von dir will. Dann bitte dir Bedenkzeit aus, die du zeitlich klar kommunizierst. Wenn sich bis zum Termin zeitliche Reserven ergeben, kannst du zusagen. Erkennst du aber, dass du mit meinen eigenen Aufgaben nicht rechtzeitig fertig werden kannst, sagst du ab.

Wenn dein Chef drängelt und sofort eine Entscheidung will, musst du selbst entscheiden, ob du deine eigene Aufgaben entweder an Kollegen abgeben kannst, oder ob eine Verschiebung möglich ist. Kannst du die zusätzliche Aufgabe mit anderen zusammen stemmen?Dann mach ihm das Angebot, dass du die Aufgabe in Kooperation mit anderen erledigen kannst.


Wenn Mitarbeiter Überstunden machen sollen, steht wertschätzende Kommunikation Pate. Wie lange sollen die Überstunden dauern, und vor allem, wann wird die Zeit wieder ausgeglichen. Überstunden kommen oft unvorhergesehen, und manchmal dulden die Dinge  keinen Aufschub. Für die Folgen braucht das Unternehmen einen Prozess, innerhalb welchen Zeitraums bspw. Überstunden ausgeglichen werden müssen.

Angefallene Überstunden werden bei uns im Unternehmen in einer Liste erfasst. Innerhalb von vier Wochen müssen die Stunden ausgeglichen sein. Es macht keinen Sinn, Überstunden ohne Ausgleichsprozess vor sich herzuschieben, sonst kommen sie nie weg. Diese Sicherheit brauchen Mitarbeiter, um Vertrauen in die Verlässlichkeit der Führung aufzubauen.


Nein sagen findet auch in der Freizeit statt. Freundinnen und Freunde verlangen nach einem, um zu helfen, um zu reden und um Gesellschaft zu haben. Ich persönlich kann das eher nicht gebrauchen. Ich gehe nirgendwo hin, nur um jemandem einen Gefallen zu tun.

Meine Frau sagt mir oft, ich solle doch nicht so eklig sein und andere nicht so düpieren. Ich bin nicht eklig und düpier auch niemanden, ich sage nur, dass ich keine Lust habe irgendwo hin zu gehen, das mich nicht interessiert. Das Leben ist kurz und arbeitsam genug, da muss ich aufpassen, dass genügend Zeit für mich übrig bleibt.


Ich gehe samstags nicht ins Theater, in die Oper oder ins Kino, weil ich am Ende der Woche in dunklen Räumen einschlafe. Sonntagsmorgens ist es eine absolute Erholung für mich, im Bett zu lesen und mich dann in meine Kreativecke zurück zu ziehen, um meine Gedanken in Evernote zu notieren, vielleicht einen Text auszuarbeiten oder mir Gedanken zu einer Marketingaktion oder zum Leben als solches zu machen.

Dazu brauche ich Zeit und Entspannung. Ich bin kein Mensch, der dauernd irgendwo mit irgendjemandem abhängen muss. Ich liebe es, alleine zu sein und mir ungestört meine Gedanken machen zu können. Also nein, mir fällt es nicht schwer, Nein zu sagen. Das bedeutet für mich mehr Freizeit, weniger Druck und ein Höchstmaß an Entspannung.

Socialising findet natürlich statt, aber eben in dem Maß, in dem ich das zulasse. Ich entscheide, niemand sonst. Es ist ein schönes Gefühl mit Menschen zusammen zu sein, die mir nicht die Zeit stehlen, sondern mit denen ich mich zu beiderseitigem Nutzen austauschen kann.

Es gibt zu viele Menschen, die anderen ihre Energie rauben. Jeder Mensch sollte sich deshalb die Frage stellen, wer in seinem Umfeld ein Energiegeber ist.


Alexandra Reinwarth hat ein Buch geschrieben mit dem Titel “Am Arsch vorbei geht auch ein Weg – Wie sich dein Leben verbessert, wenn du dich locker machst”. Sie beschreibt, wie ihre fordernde Freundin Kathrin ihr zum Nachteil die gemeinsame Freundschaft lebt. Irgendwann hat sie sich ein Herz gefasst und ihr ein deftiges “Fick Dich!” hingeschmettert. Seitdem lebt sie leichter. Dass ihr das nicht leicht gefallen ist und sie vor der Konfrontation Bedenken gehabt hat, ist verständlich.

Jemanden aus seinem Leben zu entfernen ist, wie mit einem Partner Schluss zu machen. Auf der einen Seite steht ab dem kritischen Punkt Zwang und Frustration, auf der anderen Seite steht die große Freiheit, die ein Mensch durch einen solchen Schritt erreicht. Für jeden Lebensabschnitt gibt es die passenden Menschen. Man kommt zusammen, und man driftet wieder auseinander.

Aber es gibt eben auch Menschen, die das nicht zulassen wollen, die klammern, und dir den Spaß am Leben rauben. Ich sehe das so: Wenn mir etwas weh tut, gehe ich zum Arzt und lass es behandeln. Dann tue ich was getan werden muss, um wieder schmerzfrei leben zu können. So einfach die Analyse, so schwierig die Umsetzung.

Auch in der Beratung müssen oft Grenzen gezogen werden. Manche Menschen tendieren dazu, Argumentationen x-mal zu wiederholen und wieder und wieder durchzukauen. Sie wollen alles erschöpfend diskutieren, und sie strapazieren damit die Nerven ihrer Mitmenschen. Solche Leute brauchen diese klare Grenze, sonst saugen sie dich ein und vernichten deine Zeit und deine gute Laune.


Richtig nein zu sagen ist eine Kunst. Zu brutal solltest du die Grenze nicht ziehen, weil das auch verletzen kann. Hör Dir an was der andere will, auch wenn du schon vorher weißt, dass du ablehnen wirst. Das gebietet die Höflichkeit. Erkläre in kurzen Worten, warum du nicht helfen kannst.

In den meisten Fällen reicht das aus, um dem anderen zu signalisieren, dass du dich auf deine eigenen Projekte kümmern willst. Wenn dein erklärtes Nein nicht angenommen wird, kannst du selbstverständlich schärfer formulieren. Nein muss  definitiv nein bleiben!


Jeder von uns hat andere Grenzen. Während die eine spontane Besuche gerne mag, stört es den anderen. Auch in der Lebensgemeinschaft  ist es wichtig, sich Freiräume zu schaffen und Grenzen zu ziehen. Das ist in einem großen Haus sicher einfacher umzusetzen als in einer kleinen Wohnung.

Wer an einer entspannten häuslichen Gemeinschaft interessiert ist muss dann Lösungen finden. Wir leben in einer ehemaligen Tanzschule. Dort gibt es weder Balkon noch Garten, dafür viel Wohnraum. Kinderzimmer und Bad sind separat, der Rest der Wohnung hat Loftcharakter. Wir können uns nicht aus dem Weg gehen. Deshalb haben wir Rückzugsräume eingerichtet.

Ich ziehe mich in meine Kreativecke zu meinen Büchern zurück, höre Musik oder schreibe Texte am Notebook. Meine Frau hat ihren Lieblingsplatz an unserem vier Meter langen Holztisch, an dem sie sich ausbreiten kann. Das Zentrum und Kommunikationszentrum des  Raums ist die offene Küche. Im Grunde genommen sind wir ein Start-up mit zwei Geschäftsführern, die sich immer wieder mal zum Austausch in der Küche treffen.

Wir haben unsere Bedürfnisse abgegrenzt und Lösungen geschaffen. Lösungen zu schaffen ist ein aktiver Prozess, bei dem sich beide Parteien bewegen müssen. Das gilt für alle Lebensbereiche.


Wir überschreiten ständig Grenzen. Das ist normal, weil niemand von uns wissen kann, wo die Grenzen des anderen liegen, unsere Lebenspartner vielleicht mal ausgenommen. Das tolerieren wir einfach, weil wir wissen, dass wir der Situation eicht wieder entkommen können.

Schwierig wird es erst, wenn wir uns aktiv gegen Grenzüberschreitungen wehren müssen. Wer einen definierten Standpunkt hat ist hierbei im Vorteil. Sie oder er können klar benennen, was sie warum nicht akzeptieren können. Menschen mit weniger ausgeprägtem Selbstbewusstsein haben hier Schwierigkeiten.

Die gute Nachricht ist: Nein sagen und  Grenze ziehen kann jeder Mensch lernen. Wer diese Stabilität nicht von sich selbst aus mitbringt, sollte sich helfen lassen. Das ist besser, als sich den Forderungen anderer schutzlos auszusetzen.

Meine persönliche Strategie ist es, gar nicht erst in solche Situationen zu kommen. Je besser ich mich selber kenne, desto besser kenne ich meine Schwachpunkte, desto besser kann ich mich schützen.

Wir kommen alle von Zeit zu Zeit in Grenzsituationen, in denen wir entscheiden müssen, wie wir auf einen Reiz reagieren. Meine persönliche Strategie ist zuhören, wie vorher schon beschrieben. Es ist mir aber schon etliche Male passiert, dass ich die neue Anfrage wesentlich interessanter fand als das, was ich grade gemacht habe. Das kann ich aber nur dann machen, wenn ich keinen Abgabetermin habe. Dann hat mein Projekt selbstverständlich absolute Priorität.


Im Unternehmen haben wir die Kommunikationnsregeln in der Betriebsverordnung festgelegt. Die haben wir mit den Mitarbeitern gemeinsam dfiniert, sie sind von allen unterschrieben worden und damit gültig. Das hat geholfen, dass sich alle gegenseitig unterstützen, weil die Rahmenbedingungen von Geben und Nehmen klar geregelt sind.

Wir, die Geschäftsführung haben einen verbindlichen Prozess festgelegt, wie und in welchem Zeitraum Überstunden ausgeglichen werden. Sie dürfen nicht über das Quartalsende mitgenommen werden. Überstunden können auch nur in absoluten Ausnahmefällen angesammelt und als Urlaubstag, bzw. Urlaubstage ausgeglichen werden. Mit diesen Regeln sind wir in den letzten 17 Jahren sehr gut gefahren.

Wenn ich andere Menschen wichtiger nehme als mich selbst, stelle ich deren Freiheit höher als meine eigene.

Hinterlasse einen Kommentar

2 Kommentare
Marga Abromeit says 7. März 2021

Lieber Peter,
das sind gute und klare Worte von Dir.
Wer da angekommen ist, darf sich Persönlichkeit nennen.
Der ein oder andere ist durch die Erziehung gehemmt, ganz bei sich zu bleiben.Da heisst es daran arbeiten.
Letztendlich bedeutet es Freiheit, und nicht Opfer werden.
Und das tut sooo gut.
Von Dir sehr schön auf den Punkt gebracht.
Bin auf Deine neuen Gedankenschätze gespannt.
Liebe Grüsse
Marga

Reply
    petergress says 7. März 2021

    Liebe Marga, es stimmt, dass viele Menschen durch Erziehung mehr auf die Zufriedenheit der anderen geeicht sind, als auf ihre eigene. Das ist sehr schade, weil es die Menschen an der Entfaltung hindert. Darunter leiden wir alle, denn jeder von uns hat seine Beschränkungen mitbekommen. Wer an sich arbeitet hat eine gute Chance sich weiter zu entwickeln und – wenn vielleicht auch nur zum Teil – mehr Freiheit zu erlangen. Ein sehr weites und interessantes Thema. Lass es Dir gut gehen und schaue weiterhin optimistisch in die Welt. Das brauchen wir im Moment dringend. Liebe Grüße! Peter

    Reply
Add Your Reply